Die Geschichte der Weinbergschnecke

 

 

   

Auszüge und Texte aus dem Buch: Schnecken und Muscheln von Dr. Kurt Floericke, Kosmosverlag Stuttgart,  aus dem  Jahr 1920

Der berufenste Vertreter der Weinbergschnecke (Helix Pomatia), der schon von Heriod besungene alte Freund unserer Kinderzeit, der bei den Römern cochlea hieß, weil sein Gehäuse in grauer Vorzeit als Schöpflöffel benutzt wurde. Sie gehört zu der sehr umfangreichen Gattung der Schnirkelschnecken, die in rund 2600 Arten über die ganze Erde verbreitet ist, etwa 70 davon beglücken unsere Heimat mit ihrer Anwesenheit. Die Weinbergschnecke hat ihr Verbreitungszentrum im südöstlichen Europa, wo sie besonders die Kalkberge bewohnt, den sumpfigen und sandigen Ebenen dagegen aus dem Wege geht. Bei uns befindet sie sich hauptsächlich in Süddeutschland, während in der norddeutschen Ebene nur versprengte Stämme vorkommen und zwar in der Regelda, wo früher größere Klöster bestanden haben, so z. B. bei Chorin in der Mark und am Kieler Augustinerkloster. Dort wurden sie nämlich von den Mönchen, die die fetten Tiere als Fastenspeise zu schätzen wussten, eingeführt und in besonderen Schneckengärten gehalten. Die Klöster fielen in Trümmer oder wurden in weltliche Bauten verwandelt, aber die Schnecken überstanden alle Stürme der Jahrhunderte. Trotzdem und obwohl Schneckenbrühe vielfach als ein vortreffliches Heilmittel gegen die Schwindsucht gilt, hat sich der Schneckengenuss bei der Bevölkerung Norddeutschlands nie recht einzubürgern vermocht, weil ihm teils Vorurteile, teils ehrlicher Ekel entgegenstanden. Der süddeutsche Gaumen hat sich besser an das Schneckenfleisch gewöhnt und auch die Holländer haben sich gut mit ihm abgefunden, wie schon der alte Swammerdam berichtet. Geßner bezeugt, dass diese Schnecken auch außerhalb der Fastenzeit im mittelalterlichen Deutschland viel verzehrt wurden und betont ganz richtig, dass der Geschmack je nach der Herkunft der Tiere verschieden und auch sehr von der Art der Fütterung abhängig ist, die am besten aus aromatischen Kräutern zu bestehen habe. Die alten Römer vollends waren ganz versessen auf diesen fragwürdigen Leckerbissen, wie wir durch Plinius und Varro wissen.

Heutzutage sind Schneckengerichte namentlich in Paris und Wien beliebt und zwar gelangen die Schnecken dorthin hauptsächlich aus dem südwestlichen Deutschland, wo sich Ulm, in dessen Umgebung die „Schneckenbauern“ auf den Hängen der Alb sitzen, zu einem Hauptstapelplatz für den Schneckenhandel entwickelt hat, der dort schon 1746 im Schwunge war. Früher gingen die Schnecken aus den Albdörfern auf den „Ulmer Schachteln“ fast ausschließlich nach Wien, aber nach Einstellung des Donauschifffahrtsverkehrs fand man ein neues Absatzgebiet in Frankreich. So verfrachtete z. B. allein das Dorf Guttenstein 1908 fast 4 Millionen Schnecken nach Paris. Man lässt die Tiere im Sommer durch Kinder oder alte Leute einsammeln ( vor dem Kriege zahlte man 4-5 Mark für das Tausend) und bringt sie dann in verschieden großen „Schneckengärten“ unter, die auf wertlosem Ödland angelegt und mit Zäunen aus geteerten Planken oder weitmaschigem Drahtgeflecht eingehegt werden, um den Schnecken das Ausreißen zu erschweren. Sie zeigen sich nämlich bei feuchtem Wetter recht unternehmungslustig, kriechen in einer einzigen Regennacht oft 50 m fort und müssen dann mühsam wieder zusammengelesen werden. Dadurch sowie in Frostnächten oder durch Krankheiten entstehen empfindliche Abgänge und der Besitzer muss immer mit einem Verlust von etwa 25 % rechnen. Von einer eigentlichen Zucht ist bei alledem keine Rede, denn es werden zwar massenhaft Eier abgesetzt, aber sie gehen fast ausnahmslos zugrunde. Man sollte deshalb ein zu frühzeitiges Einsammeln der Schnecken verbieten und ihnen erst Zeit zur Eiablage im Freien lassen. Gefüttert wird recht reichlich mit Gemüseabfällen, Salat, Kohl und Krautblättern, Löwenzahn, zerschnittenen Kohlrüben, auch wohl mit Kleie oder Fallobst und neuerdings namentlich mit Endivien, die eigens zu diesem Zweck in der Gegend angebaut werden. Im Herbst ziehen sich die Schnecken zur Winterruhe unter das aufgestreute Moos zurück und um Allerheiligen herum beginnt dann die Ernte, wobei die sauber eingedeckelten Tiere aus dem Moos herausgelesen werden wie Kartoffel aus der Erde. Vor dem Kriege brachte das Tausend an Ort und stelle 16 - 17 Mark. In Kisten verpackt wandert die seltsame Ware zum Großhändler nach Ulm und wird nun von diesem nach Nanen oder Paris weiter verfrachtet. Selbst die leeren Schalen der abgestorbenen Schnecken bringen noch 1 Mark für das Tausend, denn man füllt sie in Paris mit einem Gemisch von Schneckenfleisch, Leber, Butter und Gewürzen und setzt sie so den Feinschmeckern vor. Überhaupt kennt die feine französische Küche eine ganze Reihe der verschiedensten Schneckenrezepte, wie z. B. Schneckensuppe, gefüllte Schnecken mit Sauce, gebratene Schnecken, Schneckensalat, verzierte Schnecken, Schnecken nach Küchenart, Schnecken mit Meerrettich uvm.

Gerade ein gut besetzter Schneckengarten zeigt uns so recht die fabelhafte Abänderungsfähigkeit von Helix Pomatia. Da sieht man Riesen von fast 70 und Zwerge von kaum 30 mm Höhe und alle nur erdenklichen Farbenabstufungen. Die Form ist ebenso veränderlich wie die Farbe, wobei eine starke Neigung zu individueller Variation hervortritt, aber auch die durch Klima, Bodenbeschaffenheit, Bewässerungsverhältnisse usw. bedingten Einflüsse der Umgebung unverkennbar sind.

Die große Mehrzahl aller Schnirkelschnecken hat rechts gewundene Gehäuse, ja die links gewundenen sind so selten, dass sie als Amulette in Indien hoch im Preis stehen und dort eine ähnliche Rolle spielen, wie in Siam der weiße Elefant oder das vierblättrige Kleeblatt bei uns. In noch höherem Grade gilt das freilich von anderen Mollusken aus den Gattungen Voluta, Turbinella u. a. aus deren Vertrieb sich eine ganze Industrie mit Halsketten, Ohrgehängen, Götzenbildern und dergl. entwickelt hat. Eine schöne linksgewundene Turbinella z. B. ist kaum unter 1000 Franken zu haben.

Wischnu der schaffende und erhaltene Gott, trägt in einer seiner vier Hände ein linksgewundenes Exemplar der turmförmigen Turbinella napa, und Ganeza, der Gott der Klugheit, hält eine linksgewundene Voluta in der Hand, wie ja auch bei den alten Griechen und Römern seltene und kostbare Muscheln Attribute bestimmter Götter waren. Von wissenschaftlichem Interesse ist die Frage nach der Vererbbarkeit der abnormen Windungsrichtung, die man zu bejahen geneigt ist, wenn man weiß, dass die Sinostrosität (Linkshaftigkeit) öfters an bestimmten Örtlichkeiten in ungewöhnlicher Menge auftritt.

Wenn die rauen und nebeltriefenden Nordwinde über die kahlen Stoppelfelder jagen und die Zugvögel  sich davonmachen, nehmen auch unsere Schnecken Abschied von der Erdoberfläche. Die meisten Menschen freilich merken gar nichts davon, aber dem Naturfreund fehlt doch etwas, wenn diese stillen und scheinbar so nichtssagenden Geschöpfe plötzlich verschwunden sind. Sie haben verborgene Schlupfwinkel unter dem Moos oder in der Erde aufgesucht und sich hier tief in ihr Gehäuse zurückgezogen, dessen Eingang sie mit einem Kalkdeckel verschließen, um so in beschaulicher Ruhe bessere Zeiten abzuwarten. Sie halten also eine Art Winterschlaf, und zwar ist der instinktive Trieb dazu so stark, dass sie ihm auch dann nachgehen, wenn man ihnen in erwärmten Räumen die glänzendsten Lebensbedingungen bietet, gerade wie der Wandervogel im Käfig doch vom Zugfieber befallen wird oder die in die Tropen verpflanzte deutsche Buche trotzdem weiter im Wechsel der heimischen Jahreszeiten sich entblättert und neu ergrünt. Es liegt fast etwas Rührendes in diesen tiefgewurzelten Instinkten.

Das Wachstum der Schnecken ist während der feuchten Jahreszeit sehr stark, wird dagegen in Trockenperioden fast ganz eingestellt. Obwohl ihre Schale vorzüglich gegen das Austrocknen schützt, sind sie doch in hohem Grade von der Luftfeuchtigkeit abhängig. Immerhin können sie, in ihr Gehäuse zurückgezogen, tagelang die prallste Sonnenglut aushalten, zumal sie auch eine drüsenreiche Haut haben, so Helix muralis an den Mauern der südeuropäischen Gärten, Helix pisana am dürren Dorngesträuch der römischen Campagna, Helix desertorum am Rande der ägyptischen Wüste. Sie alle kriechen nur des Nachts, im Morgentau oder bei Regen, während in der Zwischenzeit ihre Lebenstätigkeit völlig ruht. Sie sind geradezu kennzeichnend für die dortige Fauna, und es gibt sogar recht große und auffallende Arten unter ihnen, wie z. B. Zorites zitelli aus der lybischen Wüste. In der Trockenzeit halten sie einen Dauerschlaf und verschließen ihr Gehäuse hermetisch dicht mit dem aufgesetzten Epiphragma, das erst die lebensweckenden ersten Regengüsse wieder zur Öffnung bringen. Die Schale solcher Arten, die man mit dem Sammelnamen der Xerophilen bezeichnet, ist meist dick, weiß oder hellgelb, oft rau und runzelig, an der Mündung zuweilen schwarz, während die an feuchten Orten lebenden Landschnecken in der Regel dünnwandigere und dunklere, oft glänzend braune, bisweilen behaarte Gehäuse haben. Sehr bunte Schalen, in den Tropenländern bisweilen sogar grüne, haben die Baumschnecken, die sich zugleich durch eine stark gewölbte, oft kugelige Gehäuseform auszeichnen, während Felsenschnecken zumeist durch eine langgezogene, spindelförmige Schale gekennzeichnet sind.

Jäger bezeichnet die Schnecken nicht mit unrecht als einen Typus behäbiger Mittelmäßigkeit, und in der Tat finden wir in ihrem Bereich fast gar keine bizarren oder grotesken Formen, sondern es hält sich alles hübsch in den vorgeschriebenen Grenzen. Das gilt auch von den Größenverhältnissen, denn wir haben im Schneckenreich weder Riesen noch mikroskopische kleine Gestalten. Ihr Körper, weniger fremdartig als der der Muscheln, zeigt einen regelrechten Bau und einen deutlich abgesetzten Kopf mit richtigen Augen und Ohren. Immerhin ist er nicht mehr genau symmetrisch, was namentlich durch die einseitige Ausmündung der Körperöffnungen zum Ausdruck kommt. Rumpf und Fuß sind gut ausgebildet.